Schlagwort-Archive: Grundschule

„Klassentreffen 40 plus“ – Erinnerungskultur at its best

Standard

Und wieder ein Klassentreffen gehabt. 2011 waren es „28 Jahre 10. Klasse“, letztes Jahr „30 Jahre 10. Klasse“ und am Wochenende „40 Jahre 1. Grundschulklasse“. Noch vor 10 Jahren wäre ich in diese Form der Erinnerungskultur garantiert nicht eingetaucht. Und heute freue ich mich und bin jedes Mal gespannt auf die Leute, die kommen werden und ganz besonders auf die damals noch sehr jungen Klassenlehrer, die wir wiedersehen konnten.

Es ist aber schon seltsam. Warum bin ich mittlerweile so erpicht darauf, Mitschüler aus der Anfangszeit von vor 40 Jahren wiederzutreffen, die ich ja gar nicht kenne und für die ich mich bisher überhaupt nicht interessierte? Wenn wir uns beim Bäcker oder sonstwo träfen, würden wir uns nicht erkennen, aber dieser speziell inszenierte Rahmen macht es möglich, dass ein irgendwie verdecktes, wieder zum Vorschein gebrachtes dichtes Netzwerk den Blick auf die (eigene) Vergangenheit freigibt.

Und im Laufe eines Abends wird es immer dichter: „hast Du nicht damals da in dem roten Haus in der Bahnhofstraße gewohnt und seid Ihr später nicht nach x gezogen?“ „Mussten wir nicht alle aufstehen im Unterricht beim alten Rektor Fricke? Und der hat doch auch mit Kreide oder seinem Schlüsselbund geworfen, wenn er die Klasse bändigen wollte?“ „Aber nach seiner Pensionierung ist er mit seinem Klapprad durchs Dorf gefahren und hat vor allen ehemaligen Schülern den Hut gezogen“.

"Klassentreffen nach Mitternacht" - und ich bin immer dabei!

„Klassentreffen nach Mitternacht“ – und ich bin immer dabei!

Lauter solche Geschichten und schwuppdiwupp merkt man: das hier, was ich so lange nicht wahrhaben wollte, sind meine Wurzeln, und es war wichtig, hierher gekommen zu sein, um Frieden zu schließen mit den oft verkorksten, holprigen Anfängen in der Schule und mit den Lehrern und Mitschülern.

Ein Klassentreffen kurz unmittelbar nach der Schule kann man dagegen in keiner Weise vergleichen mit der Erinnerungskultur, die man sich im Alter von Mitte 40 bis 50 aufgebaut hat. Wenn damals noch die alten Wettbewerbe und Konkurrenzkämpfe aus der Schule fortgeführt wurden „was bist Du, was hast Du, meine Frau, meine Yacht, mein Auto“, so ist das im Alter Mitte bis Ende 40 anders. Ist zumindest meine Beobachtung.

Natürlich ist die obligatorische Vorstellungsrunde an so einem Abend immer wieder aufregend. Einige verfallen schnell in die Sprachregelung „bin nicht weit gekommen und immer in unserem Ort geblieben, aber sehr zufrieden mit allem“ und sagen das fast wie eine Entschuldigung. Aber so seltsam ist das Leben – ich hätte mir immer gewünscht, in meine Heimatstadt zurückzugehen. Man will eben doch immer das, was man gerade nicht bekommen konnte…

Advertisements