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„Das Ungute am Heiligen“ – ein Besuch der „Work in Progress“ 2014

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Ich habe an diesem Tag in Hamburg auf Kampnagel lauter gute Sachen gehört. Davon war das Eindringlichste „Habt keine Angst vorm Tod, sondern vor einem schlechten Leben“. Und der, der es sagte, war der Wiener Philosoph Robert Pfaller, der die Keynote auf der „Work in Progress 2014“  am 14. März in Hamburg sprach. Die Konferenz wurde organisiert von der Hamburg Kreativ Gesellschaft und Kampnagel.

Philosoph Pfaller

Philosoph Pfaller

Man kann das auch einfach so dahin sagen und das machen wir ja auch irgendwie alle: „Jeder Tag, den Du lebst, ist wichtig, denn morgen kann es schon vorbei sein“.

Aber Pfaller ging es um einen anderen Zusammenhang, den der guten Arbeit. Das war auch zugleich das diesjährige Motto der „Work in Progress“.

"Work in Progress 2014"

„Work in Progress 2014“

Was ist gute Arbeit? Kann man nur mit Arbeit ein sinnvolles Leben leben und ist man somit nichts ohne Arbeit? Welche Berufsbilder gibt es und gibt es eigentlich noch so etwas wie eine Berufung? Gilt ein Job mit viel Gehalt von 9 to 5 als erstrebenswert oder ist nicht viel erfüllender, wenn man sich zu dem, was man tut, auch berufen fühlt.

Wie verändert sich die Gesellschaft und deren Auffassung von Arbeit in der digtitalen Welt, am Startpunkt der digitalen Revolution, an dem wir uns ja noch befinden? Was passiert, wenn ich dem herrschenden Arbeitsideal „Harte und gut entlohnte Arbeit und effektiv organsierte Freizeitgestaltung“ nicht mehr folgen kann, weil es eben immer weniger Arbeit einer bestimmten Art gibt?

Fragen über Fragen, über die es sich nachzudenken lohnt. Und immer mehr rückte der Philosoph Pfaller die Frage in den Vordergrund „welche Gründe gibt es, für die es sich zu leben lohnt?“ Liegen die Gründe im allgemein herrschenden Selbstoptimierungswahn, den Reinheitsphantasien und der Verabsolutierung von Prinzipien, die wir uns während der Woche als Sachbearbeiter unseres Lebens zu eigen machen? Am Wochenende switchen wir dann um und fordern alles das vom Leben zurück, was vielleicht in Ansätzen noch an Müßiggang und das „Heilige im Alltagsleben“  erinnert.

Die Frage nach der guten Arbeit ist somit nicht zu trennen von der Vorstellung eines guten Lebens. Das Prinzip „Work-Life-Balance“ hat in vielen Teilen dazu geführt, dass man – selbstoptimiert wie man nun mal ist – unter der Woche alles effektiv managet und auch seine Freizeit nach Höchstleistungskriterien organisiert.

Von einer Überforderung in der Freizeit sprach daran anknüpfend Thomas Vašek, ebenfalls aus Wien. Arbeit als auch Freizeit führe dann zum Burnout, wenn ich nicht leisten könne, was ich mir zum Ziel gesetzt habe und zu Neurosen, wenn man mit dem Maß an Freiheit und Selbstbestimmung nicht umgehen könne. Vasek sprach auch vom „Work-Life-Bullshit“: Arbeit sei auch eine Lebensform und Müßiggang erst dann genießbar, wenn man vorher auch gearbeitet hätte.

Mithilfe von Arbeit machte ich etwas aus meinem Leben, da Menschen erst dann richtig glücklich seien, wenn sie ihre Fähigkeiten zur Geltung brächten. Gute Arbeit führe einen mit Menschen zusammen und schaffe Anerkennung.

Beeindruckend dann noch Feelgood-Managerin Magdalena Bethge von jimdo, die davon berichtete, wie sich das in kurzer Zeit wachsende Unternehmen jimdoo mithilfe einer Feelgoog-Managerin die gute Arbeitsatmosphäre erhielt. „Eigenverantwortung, Selbstwirksamkeit und Wertschätzung“ als drei Prinzipien der Arbeitsorganisation, sorgen bei jimdo dafür, dass Teams z. B. gemeinsam Ausschreibungstexte von Bewerbungen für ihren Bereich gestalten und Feedbacks innerhalb von Peergroups an der Tagesordnung sind.

"Feel good" mit Magdalena Bethge

„Feel good“ mit Magdalena Bethge

Bernd Oestereich propagierte ebenfalls mehr Verantwortung für die Mitarbeiter. Mehr Selbstorganisation und statt in starren Abteilungshierarchien ruhig mal in kreativen Kreisen  denken. Das setze aber eine Revolution von oben voraus.

Und das bringt mich direkt zum Billardtisch und Frank Kohl-Boas, dem Personalleiter von Google Nordeuropa. Es bringt nichts, zur Verbesserung der Arbeitsatmosphäre einen Billardtisch aufzustellen. Die wenigsten würden sich trauen, daran zu spielen.

Frank Kohl-Boas

Frank Kohl-Boas

Im Grunde sei der Billardtisch das Endprodukt einer Entwicklung, d.h. der Ausruck einer positiven Unternehmenskultur und die würde immer von oben ausgehen.

Alles in allem eine sehr inspierende Konferenz mit starken Denkanstößen. Und frei nach einem weiteren Zitat von „Work in Progress“ – „Etwas ist fertig, wenn es gut ist“, höre ich jetzt auf.

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